Zorn und Geschichte

Predigt von Werner Busch am 30. September 2018

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, im Zeitalter des Zorns. Denn das ist unser Thema, liebe Gemeinde. Ich habe bis vor einigen Jahren nicht gedacht, dass Zorn ein so wichtiges Thema werden könnte, wie es heute ist. Die kleinen Alltagsgewitter in der Familie, der Sturm im Wasserglas unter Kollegen – das war Zorn für mich. Das Gebrüll im Fußballstadion oder beim Public-Viewing. Der Schiri, der Torwart, die Abwehr – es ist ja nur ein Spiel. Ärger als der übliche Kleinkram, bei dem sich jemand mal Luft macht. Ein bisschen übertrieben, ein bisschen gespielt manchmal. Im Ärger holt man sich ein paar innere Schrammen, die i.d.R. von selbst wieder verheilen. Jemand fühlt sich gekränkt und die Emotionen gehen hoch. Aber ein freies Wochenende, ein Kino-Besuch oder einfach ein paar Tage hintereinander ausschlafen und die schlechte Laune ist verflogen. Wenn es gut läuft: Noch ein Gespräch, ein Händedruck, oder wenigstens wieder grüßen. Und die Sache ist gut. Der kleine Ärger zwischendurch ist nicht schön, aber mit Hausmitteln klingt er schnell wieder ab.

Seit einigen Jahren ist Ärger nicht mehr nur eine private Aufwallung. Es wird leider längst nicht so schnell wieder gut. Ärger ist eine große politische Emotion geworden. Politische Gefühle können sehr mächtig werden, weil man sie mit anderen teilt. Politische Emotionen sind öffentlich. In ihnen geht es um Macht, um das Gefühl, ausgeliefert, machtlos zu sein. Politische Emotionen reißen mit. Sie kommen wie ein Tornado von anderswoher und wüten tief im Herzen. Politische Emotionen sollten wir nicht unterschätzen. Sie tragen Gewaltpotentiale in sich. Sie können ein Land verändern. „Wutbürger“ ist ein etablierter Begriff geworden. Das Ergebnis der letzten Bundestagswahl hat der politischen Situation in Deutschland ein anderes Gesicht gegeben. Kein freundlicheres. Das sind die Ausläufer von Verdrossenheit, Gereiztheit, Zorn. Politische Emotionen wirken auch in Alltagssituationen. Zeitungsgespräche können eskalieren. Man schaltet den Fernseher aus, aber bleibt aufgewühlt von dem, was da besprochen wurde. Manch einer steht ausgeschlafen, gut gefrühstückt am Sonntagmittag in der Wahlkabine und denkt sich: „Mir reicht’s.“ Liebe Gemeinde, wir müssen reden. Uns fragen: Was ist bloß los mit den Menschen? Mit unserem Land? Mit unserem Kontinent?

Es gibt inzwischen ein kleines Bücherregal voll mit Büchern zum Thema. „Das Zeitalter des Zorns“ von Pankaj Mishra. „Die große Gereiztheit“ von Bernhard Pörksen. Von Julia Ebner ein Titel mit nur einem Wort: „Wut“. Um nur drei zu nennen, die in den letzten 2 Jahren erschienen sind. Die Liste ist länger.

Damit bin ich schon bei einer ersten Strategie, mit der ich dem Zorn beizukommen versuche. Lesen. Das ist noch keine Lösung. Aber immerhin eine Strategie. Zum Lesen brauche ich Ruhe. Es hat etwas Meditatives, sich in ein Buch zu vertiefen. Lesen ist mit dem Hören verwandt, DEM Grundvorgang unseres Glaubens. Lesen und Hören öffnen mich für Beobachtungen, die ich selber nicht mache. Für Gedanken, auf die ich alleine nicht kommen würde. Lesen ist eine großartige Kulturtechnik. Eine Lockerungsübung für die verkrampfte Seele. Es gibt für mich keine innigere, intimere, persönlichere Auseinandersetzung mit einem Thema als beim Lesen. Ein geistiger Luftaustausch für die im eigenen Saft miefig gewordene Seele. Frischer Wind, frische Gedanken. Zugleich verschafft mir das Lesen einen Überblick. Bücher sind kleine wirksame Abstandhalter. Nachdenken kann ich nur bei einem Minimum an Distanz. Kain ist mein Paradebeispiel dafür. Die bekannte Geschichte vom Brudermord auf den ersten Seiten der Bibel. Kain senkte finster seinen Blick. Starke Gefühle können einen geistigen Herzverschluss verursachen. Ich mache dicht und bin nur noch Emotion. Glück. Enttäuschung. Angst. Sehnsucht. Ich bin total besetzt von meiner inneren Stimmung. Rien ne vas plus. Zu. Die Seele wird zum Kernreaktor, bei dem die Kühlung versagt.

Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“

Da spricht Gott Kain an. Sehr erwachsen traut er uns gefühlsbegabten und gefühlsgeplagten Menschen etwas zu. „Du aber herrsche.“ Nimm etwas Abstand von dir selber Souveränität zurückgewinnen.! Ein größerer Verbündeter für die persönliche Integrität des angefochtenen Menschen ist nicht denkbar. Gott redet stärkend, will aufrichten. „… kannst frei den Blick erheben“.

Worte – gesprochen, geschrieben – schaffen innere Zwischenräume. Wir brauchen solche geistigen Spielräume. Denkluft zum Durchatmen. Nachlesen, zuhören, sich unterbrechen lassen, sich zu denken geben lassen – das können kleine Befreiungen aus der eigenen Gefühlsbefangenheit sein. Bei uns zu Hause in der Küche hängt ein Sinnspruch überm Tisch. Ich hatte es bei anderer Gelegenheit schon mal erwähnt. Darauf steht „Denken hilft“. Ein grünes Holztäfelchen an einem Bindfaden aufgehängt. Wirkt rustikal im Stile von Bauern- und Binsenweisheiten, was sie ja auch ist. „Denken hilft.“ Die Predigtreihe wird hoffentlich Zwischenräume aufschließen und erkunden helfen. Ich bete dafür, dass wir uns in solchen inneren Freiräumen aufhalten lernen.

Zwischenräume laden dazu ein, dazwischen zu treten. „inter esse“ bedeutet „dazwischen sein“. Interesse. Das ist unbequemer Ort. Auch ein riskanter Ort. Vorsicht ist geboten. Wer weiß, was kommt. Es ist einfacher, sich rückhaltlos auf eine Seite zu schlagen und die Pferde laufen zu lassen. Position beziehen, Kante zeigen, finster seinen Blick senken und mit Abel mal auf’s Feld gehen, ihm zeigen, was eine Harke ist, wenigstens verbal – das ist einfacher. Aber dazwischen sein ist ein produktiver Platz. Ein Ort, an dem Umkehr noch möglich ist. Da kann man und da muss man frei seinen Blick erheben. Frei zum Nachdenken, zum Hinschauen und ruhigen Urteil. Frei zum Zuhören. Frei für Beziehung. Lesen und Hören sind für mich die Wurzel für Gespräche in Freiheit.

Gottes Wort lädt in aufgewühlten Situationen in solche Zwischenräume der Freiheit ein. Betreten wir sie! Machen uns auf die Suche nach Weisheit! Denn diese Zwischenräume werden in unserer gesellschaftlichen Außenwelt derzeit enger. Die Polarisierung reicht bis in die Familien. Bis in Freundeskreise. Gespräche über Tagespolitik verlaufen nicht mehr so unbeschwert wie vor ein paar Jahren noch. In unserer zufällig und bunt zusammengewürfelten Gesprächsrunde wurde davon erzählt. Wenn Verwandte, die man liebt, Freunde, die man schätzt, in den schwierigen Fragen der bekannten strittigen Politikfelder eine andere Überzeugung vertreten als ich selber, dann meide ich das Gespräch. Man meidet die Reizthemen. Manche meiden auch Menschen. Innere Emigration aus Beziehungen und Polarisierung nehmen ihren Lauf.

Was ist bloß los mit uns? Mit unserem Land? Mit unserem Kontinent? Mit der Welt?

Im Zeitalter des Zorns müssen wir reden. Vor allem: reden!

Fangen wir damit an. Heute geht es um Zorn und Geschichte. Pankaj Mishra denkt in einer kleinen Passage seines Buches über unsere Geschichtsbilder nach. Er beobachtet eine „sonderbare Gleichgültigkeit gegenüber einer facettenreichen Vergangenheit“ (28). Die Geschichte des Westens werde gerne als aufsteigende Linie des Fortschritts beschrieben. Befreiung, Humanität, Demokratie, Sozialstaat, Weltbürgertum – das sei unsere Tradition, unsere Identität, unser Leben. Die überwiegend als glücklich erlebten Jahrzehnte nach 1945 hätten allerdings etwas überdeckt. Ich denke, er hat recht. Bis Anfang der 2000er Jahre ging es aufwärts, vorwärts. Die negativen Seiten habe man weitgehend ausgeblendet. Weltkriege, Diktaturen, systematischer Menschenhass werden als monströse Entgleisungen in einem geistigen Quarantänebereich ausgelagert. Die dunklen Seiten werden soliert behandelt. Sie gelten als Unterbrechungen einer schwierigen, aber an sich guten Entwicklung. Einfache Sortierung.

Geschichtsbilder sind Selbstbilder. Geschichtsschreibung beeinflusst den Gefühlshaushalt. Nationale Erinnerungen wecken und füttern Emotionen. Das ist auch heute noch so. Ambivalent. Stark. Fast jedes Jahr ein Gedenk- oder Jubiläumsjahr mit großen Themen. 1918. 1968. Nächstes Jahr ist 1989 dran. Das macht etwas mit den Menschen. Innerlich. Pankaj Mishra spricht von „bereinigter Geschichtsschreibung“. Wie ich ihn verstehe, lässt sich so zusammenfassen: Der Entwicklungsweg des Westens wird idealisiert und Problematisches dabei überdeckt. Das erleichtert das Denken und (!) die Gefühlswelt. Damit sind wir nah bei unserem Thema.

Hand auf’s Herz – das machen wir doch auch mit unseren Lebensläufen so! Wer sich schon einmal beworben hat, kennt das Phänomen, oder soll ich sagen: die Versuchung? Man solle sich gut verkaufen, heißt es. Gemeint ist auch: Lebensgeschichte geschickt darstellen. So übt man schon in jungen Jahren einen bestimmten Umgang mit Vergangenheit. Wille und Wirkung sind wichtiger als Wahrheit. Die Situationen, in denen mein Glück auf der Kippe stand, das Kriseln unserer Ehe, die peinlichen Pannen im Beruf, die Abmahnung, das fällt alles unter den grünen Tisch. Lebensläufe werden getunt, sagt man. Geschönt. Natürlich geht vieles den Arbeitgeber gar nichts an. Aber auch in unseren Familien erzählt man selten gerne von den schwarzen Schafen, die wir doch alle in unserer Verwandtschaft haben. Oder sind …? Bereinigung der Erinnerungen erleichtert sicher manches. Erleichtern im Sinne von: vereinfachen. Es ist aber eben nicht ganz die Wahrheit und auch nicht die Wirklichkeit. Von Idealisierung bis zur Ideologie ist der Weg dann nicht mehr weit. Umgang mit Vergangenheit als persönliche und politische Weichenstellung.

Schauen wir von uns weg. Das hilft beim Denken. An fremden Geschichten lässt sich manches leichter erkennen. Wir schauen lieber in einen „fernen Spiegel“ als in einen nahen. Das ist ja einer der Reize an Geschichte und Geschichten.

Ich möchte mit Ihnen heute der Frage nachgehen: Wie beschreibt die Bibel die Entwicklungslinien auf den Geschichtswegen – gerade wenn es um Geschichten von Zorn und Gewalt geht? Schauen wir in die ersten Kapitel. Dort haben wir die berühmte Urgeschichte vor uns. Angefangen mit Adam und Eva im Paradies, aus dem sie vertrieben wurden. Vorhistorisch, archetypisch erkennen wir da nicht nur die „Strukturen des Bösen“, sondern überhaupt grundmenschliche Erfahrungen. Wesenhaftes, das immer wiederkehrt. Es ist auch in uns. Darüber nachzudenken ist jedoch einfacher, wenn man es an solchen Geschichten durchzuspielen kann. Auf der Leinwand einer unerreichbar entfernten Vorzeit erscheinen sie uns als schöne, inspirierende Geschichten. Fast märchenhaft. Bis wir merken: „Du bist gemeint“.[1]

Lesung durch eine Lektorin: Hört Worte der Heiligen Schrift aus dem Buch Genesis, dem Buch der Grundlegungen. Zuvor hatte Kain in seinem unbändigen Zorn seinen Bruder Abel erschlagen. Gott hat daraufhin über Kain eine unruhige, unstete Lebensweise verhängt, ihn aber auch geschützt. „Als heimatloser Flüchtling muss ich umherirren. Ich bin vogelfrei, jeder kann mich ungestraft töten«, hatte Kain geklagt. Daraufhin hat der Herr geantwortet: »Nein, sondern ich bestimme: Wenn dich einer tötet, müssen dafür sieben Menschen aus seiner Familie sterben.« Und er machte an Kain ein Zeichen, damit jeder wusste: Kain steht unter dem Schutz des Herrn.

Doch diese Geschichte geht noch weiter. Ich lese die weniger bekannte Fortsetzung aus 1. Mose, Kapitel 4: Kain schlief mit seiner Frau, da wurde sie schwanger und gebar einen Sohn: Henoch. Danach gründete Kain eine Stadt und nannte sie Henoch nach dem Namen seines Sohnes.  Henochs Frau gebar ihm einen Sohn: Irad. Dieser Irad zeugte Mehujaël, Mehujaël zeugte Metuschaël, und Metuschaël zeugte Lamech. Lamech nahm sich zwei Frauen: Ada und Zilla. Ada gebar ihm Jabal; von dem stammen alle ab, die mit Herden umherziehen und in Zelten wohnen. Sein jüngerer Bruder war Jubal, von dem kommen die Zither- und Flötenspieler her. Auch Zilla gebar einen Sohn: Tubal-Kain. Er wurde Schmied und machte alle Arten von Waffen und Werkzeugen aus Bronze und Eisen. Seine Schwester war Naama. Lamech sagte zu seinen Frauen: »Ihr meine Frauen, Ada, Zilla, hört! Passt auf, wie Lamech sich sein Recht verschafft:8 Ich töte einen Mann für meine Wunde und einen Jungen, wenn mich jemand schlägt! Ein Mord an Kain – so hat es Gott bestimmt – verlangt als Rache sieben Menschenleben; für Lamech müssen siebenundsiebzig sterben!« Adam schlief wieder mit Eva, und sie gebar noch einmal einen Sohn. Sie nannte ihn Set, denn sie sagte: »Gott hat mir wieder einen Sohn geschenkt! Der wird mir Abel ersetzen, den Kain erschlagen hat.« Auch Set wurde ein Sohn geboren, den nannte er Enosch. Damals fingen die Menschen an, im Gebet den Namen des Herrn anzurufen.

Unbekannte Namen. Der Text gehört zu den Abstammungslisten, die manche beim Bibellesen so fürchten, weil man gar nichts damit anfangen kann. Hier ist aber gut erkennbar eine Botschaft eingebaut, die das Nachdenken lohnt. Es gibt keine saubere Entwicklungslinie des Fortschritts. Kulturbildung und Gewaltgeschichten liegen ineinander verflochten. „Die Revolution frisst ihre Kinder.“ Der Fortschritt vermehrt auch die Zerstörungsmöglichkeiten in der Welt. Das schauen wir uns heute an.

In der Nachkommenschaft Kains finden sich Erfinder und Künstler. Flötisten und Zitherspielerinnen. Metallverarbeiter. Musik und Werkzeuge kommen in die Welt. Das Schöngeistige und der technische Fortschritt bereichern das Leben. Aus der Sippe Kains stammen grundlegende Lebensformen der Menschheit: Städtebauer und Nomaden. Alles aus einer Abstammung. Aber die ist eben durchwachsen. Die Familie, die die Welt zu gestalten beginnt, ist die Familie eines Brudermörders. Geschichtsläufe, Lebensläufe, Familienchroniken sind stets durchwachsen.

Immerhin hatte Kain sowas wie Einsicht. Bedauern. „Die Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.“ Daraufhin hat Gott eine Eskalationshemmung in die menschliche Natur eingebaut. Einen Schutz. Nicht nur der Täter soll geschützt werden. Der muss seine Strafe tragen. Sondern auch die Menschheit, in deren Mitte der Täter lebt, braucht einen Schutz. Wir brauchen eine Hemmung, damit der Teufelskreis der Rache gar nicht erst beginnt. In der Regel schrecken Menschen vor Gewalt zurück. Wir haben Angst um uns selbst, Angst vor immer weiter und weiter gehender Zerstörung. Das ist das Kainszeichen. Unter normalen Umständen spüren wir ein leises Mitleid in uns mit allem, was Menschenantlitz trägt auf dieser Welt. Auch gegenüber bösen Menschen erlischt das nie ganz. „Lass ihn.“ Lass ihn laufen. Lass ihn leben. Quäl ihn nicht. Aber das ist kein Instinkt, kein unbewusster Reflex. Wir können dieses menschliche Empfinden in uns totmachen. Dieses Gattungsgefühl -„wir sind doch alle Menschen“ – ist kein Zwang. Wie oft erklären wir Mörder zu Monstern. Die seien unmenschlich! Und schon sind wir bei Lamech, einem der Nachkommen von Kain. Gereizt ist er. Sprungbereit und in der Lage, mächtig draufzuhauen. Was bei Kain Abschreckung, Schutz sein sollte, wird bei ihm zur Waffe. Lamech dreht den Spieß um.

„Ich töte einen Mann für meine Wunde und einen Jungen, wenn mich jemand schlägt! Ein Mord an Kain – so hat es Gott bestimmt – verlangt als Strafe sieben Menschenleben; für Lamech müssen siebenundsiebzig sterben!«

Schon ein Rempler, eine kleine Verletzung lässt ihn ausflippen. Mir tut keiner was. Machen wir uns klar, dass wir die natürliche Eskalationshemmung abstreifen können. Zivilisation ist zerbrechlich, von innen her. Die Hürde im Herzen zur unbeherrschten Gewalt ist nicht unüberwindlich. Ob Männer zu Opfern werden – ebenbürtige Brüder wie Abel – oder wehrlose Kinder, das spielt für Lamech keine Rolle mehr. Wer einmal so in Rage geraten ist, der verliert das innere Maß. Und seine Humanität. Wem egal ist, wer sein Gegner ist, in welcher Lebenssituation er existiert, dem sind irgendwann auch seine Opfer egal. Ideologien machen blind. Wild und blind. Und gereizt. Mit seelischer Härte, mit Unerbittlichkeit geht es um’s Prinzip. Das ist Lamech, der aufbraust, pathetisch wird, Publikum braucht, und dann nicht mehr zu bremsen ist.

Wie konnte es nur dazu kommen? Was war los mit Lamech? Ich erinnere noch einmal an Pankaj Mishra. Geschichtsbilder. Vergangenheit. Der grausige Vorfall zwischen Kain und Abel draußen auf dem Felde hatte noch Kraft. Über Generationen wirkte er nach. In jeder Kultur, in jeder Familiengeschichte schlummert ein Zorn. Alte Erinnerungen sind nie ganz verloschen. Jemand erfährt, dass am Ende des Krieges seine Familie von Alliierten übel behandelt wurde. Ein Nachbar hatte denunziert. Das vergisst man nicht, auch wenn man weiß, dass es einer vergangenen, überwundenen Zeit angehört. Oder – ohne politischen Hintergrund: Irgendwann erzählt ihr ein Verwandter, welches Misstrauen durch ein Testament zwischen den Hinterbliebenen gesät wurde. Alte Geschichten. Sie erzählt es ihren Kindern, denn es lässt sie nicht los. Sie wird es ein Leben lang nicht mehr vergessen. Erinnerungen transportieren Emotionen.

In den alten Geschichten von Völkern und Familien ist Segen enthalten, keine Frage. Die Vitalität, der Erfindungsreichtum, die Kunst. Fremde Lebensweisen aus früheren Jahrhunderten, Kaiserreich, Weimarer Republik, das Wirtschaftswunder – faszinierend. Aber oft ist darin auch ein gefährliches Potential verborgen. Die anderen Dinge, die ich jetzt nicht genannt habe. Noch in der 5. Generation ist die Kainsgeschichte bei Lamech präsent. Was einst zur Abschreckung dienen sollte, wird auf einmal zum Vorbild, das der Nachkomme noch steigern will. Lamech ignoriert die Tragik in seinem großen aber tief abgestürzten Ahnvater Kain. Er dreht den Spieß um und wird größenwahnsinnig, weil er die kleinste Demütigung nicht ertragen kann. Zorn und Geschichte, diese Verbindung ist stets aktiv. Und explosiv. Erinnerungsarbeit ist deshalb notwendig. Sie ist notwendig um der Wahrheit willen. Um der Opfer willen, denn „das Blut Abels, deines Bruders, schreit zum Himmel“, zu Gott, der nicht vergisst, was er einmal geschaffen und gesegnet hat. Vergesst auch ihr die Namen nicht. Haltet sie in Ehren, wie Gott es tut. Denn der Herr denkt an uns (Ps 115).

Aber Erinnerungsarbeit ist auch heikel. Sie kann nach hinten losgehen. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ gilt für alle Schöße, die einmal mit Zorngewalt Staaten, Kulturen hervorgebracht oder niedergeschlagen haben. Es ist so erschreckend leicht, das Vorzeichen vor den pädagogisch gut gemeinten Erinnerungen zu ändern, dass ich manchmal Angst vor den historischen Denkmälern kriege.

Bietet die Bibel einen Ausweg aus dieser Eskalationsgeschichte an? Gibt es ein happy end für dieses Drama, das immer und immer wieder seine Fortsetzungen aus sich selbst heraus gebiert? Zorn wird in Erinnerung verpuppt, bis er wieder hervorbricht.

Nein. Es gibt keine Lösung. Die Urgeschichten der Bibel zeigen, was in uns ist und in uns bleibt. Aber es gibt eine Strategie. Oder wenigstens wirksame Gegenkräfte. Davon erzählt das Ende dieses 4. Kapitels. Auch was da steht, ist seither in der Welt. Gott sei Dank.

Adam schlief wieder mit Eva, und sie gebar noch einmal einen Sohn. Sie nannte ihn Set, denn sie sagte: »Gott hat mir wieder einen Sohn geschenkt! Der wird mir Abel ersetzen, den Kain erschlagen hat.« Auch Set wurde ein Sohn geboren, den nannte er Enosch. Damals fingen die Menschen an, im Gebet den Namen des Herrn anzurufen.

Es war so viel geschehen. So viel Neues hatte die junge Menschheit hervorgebracht. Mit der Kreativität wuchsen die Möglichkeiten, und es wuchs auch der Hass. Eine laute Geschichte nahm ihren Lauf. Eine Geschichte mit Maschinen, mit Musik und mit Mord, wie gerade beschrieben. Da lieben sich die Menscheneltern Adam und Eva ein weiteres Mal. Wie kann man noch Kinder in so eine Welt setzen? Doch man kann. Zeugt Söhne und Töchter! Es ist ein Segenskraft in der körperlichen Liebe und in dem Nachwuchs, der dabei herauskommt. Unterschätzen wir den die Kraft der Fortpflanzung nicht. Es begann noch einmal etwas fast von vorn. Nicht die Schöpfung fängt neu an. Nicht der Schöpfer macht einen Schlussstrich. Das kommt später, bei Noah. Hier geht die Geschichte weiter. Wie sooft. Es gibt keine abschließende Klärung. Keine bereinigende Abrechnung. Es gibt nur ein Nebeneinander. Neben „weiter so“ setzen die Menschen selbe eine neue Linie in die Welt. Eine neue Möglichkeit kommt ins Spiel. Ein menschlicher Neuanfang. Die alten Möglichkeiten – die Möglichkeiten der Alten – sind noch nicht erschöpft. Auch aus diesem Schoß kommt noch Leben. Eva gebiert einen neuen Segen. Kleine Kinder sind Hoffnung.

„Gott hat mir einen Sohn geschenkt! Der wird mir Abel ersetzen, den Kain erschlagen hat.“ Hören Sie nicht auch die Trauer in diesen Worten? Den tiefen und anhaltenden Schmerz der Mutter, die ihren Sohn, den sie unterm Herzen trug, in der Erde begraben musste? Erst jetzt ist Erzählzeit dafür, dass die Mutter aller Lebendigen ihr Herz sprechen, ja schreien lassen kann. Nachdem die ganze Dramatik von Fortschritt und Rückfall auserzählt wurde, ausgelebt wurde, ist endlich Zeit für das, was als Erstes hätte kommen sollen. Trauer. Trauer derer, die unmittelbar betroffen sind. Für die der Tod eines Menschen kein politisches Thema, sondern zuerst ein persönlicher Verlust ist. Chemnitz hat gezeigt, dass 1. Mose 4 bis heute Realität ist. Chemnitz ist auch eine Geschichte von Mord, Musik und Instrumentalisierung. Aber erst, wenn sich die Lamechs aller Couleur abreagiert haben, kehrt Ruhe ein. Erst dann kommt die Zeit für das, was unser Menschsein ausmacht. Trauer um einen, der gewaltsam sterben musste, weil ein anderer das so wollte. Den Ruf des Blutes von Abel und von Daniel hört man erst, wenn man schweigt. Wenn man politisch von ihm ablässt. Hört man erst, wenn man der Familie, den Freunden Raum und Ruhe gönnt, zu trauern. Die Trauer ist eine Kraft gegen den Zorn, wenn man sie nur lässt. Wenn man sie zulässt. Dann lindert sie, manchmal heilt sie sogar Schmerzen, Depressionen, Wut und Groll. Wenn man sich der Kur von Tränen und Erinnerungen unterzieht … Wenn man nur Geduld hat mit sich selbst und die Welt nicht aufgibt …

Noch ein letztes, oder besser: ein zweites. Als Eva zu trauern begann und einem neuen Gefühl, einem neuen Leben eine Chance gab, da wurde noch etwas Anderes möglich. „Damals finden die Menschen an, im Gebet den Namen des Herrn anzurufen.“ Das ist auch keine Lösung. Aber es ist eine weitere Strategie. Endlich fangen die Menschen an, zu beten. Nach all dem, was passiert war. Es ist, als ob die Menschheit zur Besinnung kommen wollte. Wir möchten nicht unter uns bleiben. Gott, wir wollen keine geschlossene Gesellschaft sein, in der wir uns gegenseitig die Hölle auf Erden bereiten. Wir kommen mit uns selbst nicht klar ohne dich.

Gott, wir müssen reden. Mit dir.
Rede du auch mit uns im Zeitalter des Zorns.

Amen.

 

[1] Vgl. 2. Samuel 12,7. Der Prophet Nathan erzählt dem König David eine zunächst unverfänglich erscheinende Geschichte. Seinen am Ehebruch schuldig geworden Gesprächspartner verleitet er damit dazu, aus sicherer Distanz ein Urteil zu fällen. „Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat.“ Schließlich enttarnt der Prophet seine Geschichte als Gleichnis für die Situation des Königs selbst, der damit auch ein Urteil über sich selbst gefällt hätte. „Du bist der Mann!“ Mir scheinen besonders die Urgeschichten in 1. Mose 1 – 11 diesen Unterton zu haben: Du bist gemeint.