Das Leben geht weiter

Almut Völkner gehört zu unserer Kirchengemeinde und ist Sängerin bei den mixed voices. Auf Anregen von Pfarrer Werner Busch hat sie zum zurückliegenden Ewigkeitssonntag einen Text für Trauernde verfasst. Wir teilen ihren Text, den sie zum Ende des Kirchenjahres im Gottesdienst vorgetragen hat, hier zum Jahreswechsel für alle, die mit Wehmut zurückblicken und einen Menschen vermissen.

Almut Völkner gehört zum Kreis von nia Wortkunst, einer Initiative von Künstlern, denen die Verbindung von Poesie und Musik am Herzen liegt.

Das Leben geht weiter!“

Welch ein törichter Spruch,
denn nichts geht mehr weiter – dein Leben zu Bruch.

Im Moment als sie sagten, dass du nicht mehr bist,
blieb auch  mein Leben stehen – öde und trist.
An diesem Tag, da dein Leben stillstand,
starrte ich blind auf das weiß an der Wand.

Ich konnte nichts fühlen, nichts sagen, nichts tun,
nur Gedanken an dich,  die konnten nicht ruh´n.
Als ich dort saß wurd´ ich plötzlich erschreckt,
der Kuckuck der Uhr wurde fröhlich erweckt.
Er rief seinen Ruf, riss mich aus meiner Welt,
erinnert mich daran, dass er die Zeit zählt.
Danach war es unüberhörbar, „Tack, Tick, Tack, Tick“
– auf das Pendel der Uhr fiel unaufhörlich mein Blick.

Das Leben geht weiter – das ist teilweise wahr,
doch ohne dich macht das Glück sich sehr rar.
Und der andere Teil der Wahrheit ist,
dass das Leben ohne dich so anstrengend ist.
Denn jede Faser meines Seins würde nichts lieber machen,
als noch einmal mit dir wieder herzlich zu lachen.
Eine weitere Facette der Ehrlichkeit ist,
dass mein Herz jeden Tag dich noch schmerzlich vermisst.
Du fehlst mir als Vertrauter, als Mutter, als Freund
und vor allem als jemand, der es gut mit mir meint.
Doch das Leben geht weiter, das muss ich begreifen,
in mir lasse ich diesen Gedanken reifen.
Dann stelle ich fest: wir hatten so gute Zeiten,
bezaubernde Wege und Möglichkeiten.
Wir haben Menschen getroffen und du hast sie geprägt,
hast mit Worten und Taten ihre Herzen bewegt.
Viele von ihnen kommen jetzt noch zu mir
und teilen mir mit, was sie mochten an dir.
Dankbar höre ich, was sie erzählen
doch würde ich selbst manch andres Wort wählen.
Denn manchmal konnte ich dich nicht leiden,
da wollte ich deine Gegenwart meiden.
Hin und wieder warst du unausstehlich,
du Holzkopf so stur und so unbeweglich!
Doch selbst deine Marotten, die liebte ich sehr.
Deine Schwächen zu dulden viel mir meistens nicht schwer.

Das Leben geht weiter – es ist anders und neu
und ohne dich fühl´ ich mich häufig noch scheu.
Das erste Mal ohne dich ins Theater zu gehen
fühlte sich falsch an, einsam, nicht schön.
Doch ich machte weiter, im zähen Kampfe für dich,
ging ich voran und fand dabei mich.
Und heute feier ich den stillen Triumph,
denn selbst wenn der Schmerz immer noch da ist ganz dumpf,
so nimmt er ja etwas ab Tag für Tag
und ich kann wieder denken, dass ich das Leben doch mag.
Durch deinen Tod hab ich vieles verlor´n,
doch bin ich ein Stück weit auch wie neu gebor´n.
Ein stilles Hoffen bleibt in deinem Gehen:
dass wir uns irgendwann wieder sehen.

©Almut Völkner 2017