Plädoyer für eine Kirche der Vernunft

Für unsere jährliche Veranstaltung „Wort und Musik am Reformationstag“ haben wir mit ihm dieses Mal einen Redner eingeladen, der sich als kritischer Beobachter des kirchlichen Lebens mit öffentlichen Einlassungen einen Namen gemacht hat. Erik Flügge hat in seiner Festrede zum 31. Oktober 2018 über „Die Auferstehung und die Vernunft“ gesprochen.

Mehrere Teilnehmer des Festabends und verschiedene Rückmeldungen interessierterTeilnehmer ermutigen uns, zu einem Gesprächsabend über die Themen dieser Rede einzuladen.

Save the Date: Dienstag, 27. November 2018 um 19.30 Uhr im Kleinen Saal des Gemeindehauses. Eine Anmeldung ist – wie immer – nicht erforderlich.





Reformationsrede von Erik Flügge in der Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Katharinen Braunschweig anlässlich des Reformationstages am 31.10.2018 (Quelle).

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie alle, die heute hier zum Reformationstag zusammengekommen sind, Sie sind der Rest. Der letzte Rest von protestantischem Kirchenleben. So einfach und bitter kann ein Anfang einer Festrede sein.

Damit habe ich im Grunde schon genug gesagt. Denn bei dieser Erkenntnis bleibt fast alles Gerede über die Kirchen stecken. Allerorten wird gejammert, dass die Leute davonrennen, dass die Gemeinden sterben, dass das Geld knapp wird, die Leute austreten.

Stundenlang kann man sich im Selbstmitleid suhlen.

Aber heute ist doch ein schöner Abend. Heute ist Reformationstag – der Tag, an dem man kritisch auf seine Kirche schaut und voller Begeisterung eine neue erschafft. Warum sollten wir nicht einfach mal über die Kirche sprechen, die wir uns alle wünschen: Eine Kirche für viele statt heiligem Rest.

Wenn ich Menschen in der Kirche frage, was ihnen an ihrer Kirche etwas bedeutet, dann ist die Antwort stets: Der Kontakt. Die zwischenmenschliche Beziehung.

Was an dieser Antwort so faszinierend ist, ist doch, dass es nicht die Gottesbeziehung ist, die man in der Kirche sucht. Aber dennoch häufig genug findet.

Gott erschließt sich im Gespräch von Mensch zu Mensch. Die Gottesbeziehung lässt sich eben am besten ergründen in der Interaktion mit einem Gegenüber. Man erkennt Gott am besten in den Augen eines Menschen. Etwas, das nicht nur wir so fühlen, sondern das auch Gott so sieht. Einen Gedanken, den Gott hatte, als er seine Beziehung zu uns Menschen neu klären wollte.

Statt erneut Furcht erregend durch den brennenden Dornbusch zu sprechen, statt erneut mit aller Autorität steinerne Gebotstafeln zu senden, statt von der Kanzel herab zu predigen, entschließt sich Gott, ein Mensch zu werden. Ein Mensch, der dann in die Kommunikation von Mensch zu Mensch eintritt, um darin Gott zu finden.

Von Jesus ist uns einiges überliefert. Sowohl, dass er vor vielen Menschen predigte, als auch, dass er mit einigen wenigen sehr persönlich interagierte. Schauen wir doch schlicht auf das Resultat.

Nicht die Bergpredigt mit all ihren Zuhörerinnen und Zuhörern bekehrte die Menschheit zum Christentum. Nach all seinen weisen Worten folgte ihm trotzdem niemand nach.

Sondern die ganz persönlichen, engen Kontakte zwischen Jesus und einzelnen Personen machten aus diesen erst Anhängerinnen und Anhängern und schließlich Menschen, die voller Eifer und Begeisterung loszogen, um anderen in der ganzen Welt von Mensch zu Mensch zu berichten, dass einer von den Toten auferstand.

Ja – darf es uns denn wundern, dass die Gottesdienste leer sind? Wo von vorne gepredigt wird. Wo doch so wenig Interaktion von Mensch zu Mensch und damit so wenig wahrhaftige Gottessuche in ihnen stattfindet.

Unser Modell des Gottesdienstes basiert auf Autorität. Man kommt, weil man muss. Doch: Gott sei Dank, es muss keiner mehr. Das ist vielleicht das Beste, was wir uns jemals erträumen durften, in der Kirche zu erreichen. Einen Zustand, bei dem wirklich niemand mehr das Gefühl hat, er müsse kommen. Schöner hätte es sich Luther auch nicht denken können. Die Zwangs-Gottesbeziehung entstanden aus bewusst gemachter Angst und ausgeübter Autorität hat endlich ausgedient. Die Freiheit eines Christenmenschen zur ganz eigenen Gottesbeziehung ohne kirchliche Macht ist endlich Realität. Ein später, aber sehr wohlverdienter Sieg der Reformation.

Ich war vor einiger Zeit auf einer Veranstaltung, auf der ein kirchlicher Mitarbeiter berichtete, er habe den Anruf eines evangelischen Dekans bekommen. Dieser hätte am Sonntagmorgen in der Kirche gestanden, und es wäre wirklich, wirklich gar niemand mehr gekommen. Niemand. Und der Dekan fragte, was er denn jetzt machen solle.

Die ehrliche Antwort an diesen Dekan lautet: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben so wenig Autorität durch Amt und Wort aufgebaut, dass sich niemand mehr gezwungen fühlt, zu kommen.

Wahrlich, es ist vollbracht! Die Freiheit eines Christenmenschen.

Doch nun nach diesem Sieg, liegt plötzlich mehr Arbeit vor uns denn je zuvor.

Das Ergebnis der neuen Freiheit ist jedem hier bekannt. Sie wissen, was diese Freiheit aus Menschen macht: keine Christen.

Ich spreche von niemand anderem als Ihren Kindern. Von all den Menschen, die Sie großgezogen haben oder noch großziehen werden, die zum allergrößten Teil fernab dieser Kirche leben und in deren Leben der Glaube keine Rolle mehr spielt. Für viele, die wahrhaftig glauben, die wohl schlimmste Niederlage. Die eigenen Kinder glauben nicht.

Eigentlich hätten Ihre Kinder von Ihnen im Kontakt von Mensch zu Mensch den Glauben erben sollen. Und ich glaube Ihnen allen, dass Sie diese Weitergabe auch redlich versucht haben. Aber die junge Generation von heute hat dieses Erbe ja nicht mal mehr aktiv ausgeschlagen und dagegen rebelliert. Sie hat schlicht begonnen, es schulterzuckend zu ignorieren.

Der Mangel an gemachter Angst und ausgeübter Autorität der Kirche konnte bisher durch nichts Neues gefüllt werden. Die alte Kirche ist leer. Die neue Kirche haben wir noch nicht errichtet. Die Glaubensweitergabe scheitert. Das Christentum fällt in sich zusammen.

Meine Damen und Herren,

die Weitergabe des Glaubens scheitert an unserer heutigen Welt. Das, was sie weitergeben wollten, prallt ab an der Jugend, weil diese Kenntnis über die Welt in einem Ausmaß gewonnen hat, wie noch keine Generation zuvor und gleichzeitig die Kirche keinen Zwang mehr auszuüben vermag, zu glauben.

Der Wissensdurst, den die Reformation entfesselte, wurde schließlich auch zu ihrem Totengräber. Luther, der das Selbst-Denken lehrte. Reformatoren, die Schulen gründeten, Universitäten und Forschung betrieben. Die Bücher übersetzten und so oft druckten, dass das Wissen frei zugänglich wurde. Die Wurzel der Aufklärung und der Vernunft ist eindeutig die Reformation. Sie ist der Anbeginn einer freien Wissenschaft.

Unsere Erkenntnisse über die Welt zertrümmerten aber schließlich eine Notwendigkeit des Glaubens nach der anderen.

Das Gebet für die Gesundheit wich der modernen Medizin mit ihren Göttern in Weiß. Das Gebet für Regen oder Sonne wich der Wettervorschau in der Tagesschau.

Zug um Zug stürzte der Glaube in die Tiefe der Irrelevanz, wo er nun alsbald endgültig tot aufzuschlagen droht.

Fast jede alte Glaubenswahrheit wurde mittels der Wissenschaft als Lüge entlarvt. Die Welt wurde nicht in sieben Tagen erschaffen. Die einzigen, die das noch so glauben, sind die Anhänger kreationistischer Splitterkirchen, die mit lautem Gebrüll und Entertainment und charismatischen Reden so viel Macht über die Geister ihrer Zuhörer erkämpfen, dass diese beginnen, ihr Hirn auszuschalten.

Wenn Sie Ihr Hirn aber angeschaltet lassen, dann wissen Sie, die Frau wurde nicht aus einer Rippe geformt. Der Mann nicht aus einem Klumpen Lehm geschaffen. Jesus – das wird Ihnen jede gute Theologin und jeder gute Theologe bestätigen – wurde nicht in Bethlehem geboren. Es kamen keine Weisen aus dem Morgenland zu ihm, und niemand brachte Weihrauch, Gold und Myrrhe. König Herodes gab niemals einen Befehl zum Kindermord. Für die angebliche Sklaverei des Volkes Israel in Ägypten gibt es bis heute nicht den kleinsten Hinweis. Nicht eine einzige Scherbe, die das belegt.

Das Universum entstand im Urknall. Unsere Welt ist nur ein unbedeutender Planet in einem unbedeutenden Sonnensystem einer unbedeutenden Galaxis. Die biblische Schöpfung fand nicht statt. Stattdessen formten logisch erklärbare physikalische Prozesse und die Evolution alles, was uns umgibt – einschließlich uns selbst.

Sie müssten schon gewaltig hinter dem Mond leben, um heutzutage im Laufe Ihres Lebens keiner einzigen dieser Wahrheiten zu begegnen. Sie müssten jedwede Bildung verweigern, Sie müssten wahrlich Ihre Vernunft erwürgen, um diese Wahrheiten zu übersehen.

Warum sollte man als vernunftbegabter Mensch einer Offenbarung folgen, deren Text so oft als falsch entlarvt wurde? Warum sollte man einer Kirche glauben, die völlig selbstverständlich jedes Jahr an Weihnachten eine Unwahrheit vorträgt, ohne diese einzuordnen? Wie kann man eine Religion ernst nehmen, die Kinderbücher mit der Schöpfungsgeschichte schreibt und illustriert, in ihren Kirchen auslegt und sie Kindern vorliest, nur damit diese im Laufe des Heranwachsens in der Schule ganz selbstverständlich plötzlich damit konfrontiert werden, dass die in ihrer Kindheit vorgetragenen Wahrheiten nichts als großer Humbug waren?

Die Welt wurde entmystifiziert. Sie wurde kartiert und verstanden, und sie lässt immer weniger Raum für Gott.

Die letzte Domäne, die noch fest in den Händen des Glaubens liegt, ist das Leben nach dem Tod. Das, was übrig ist, ist die Auferstehung. Der wundervolle Glaube daran, dass mit dem Leben nicht das Leben endet. Dass die Verlorenen und Vermissten auch über die Zeit hinaus mit uns noch ein Zuhause gefunden haben.

Glauben Sie, dass Jesus von den Toten auferstand? Glauben Sie, dass ein toter Körper in einem Grab plötzlich einen Atemzug tat?

Meine Damen und Herren,

ich komme in der Kirche viel herum. Ich begegne vielen Menschen, die bei der katholischen und evangelischen Kirche arbeiten, und ich kenne mittlerweile unendlich viele Varianten, wie man sich um diese Frage herumwinden kann.

Man müsse das mehr so im geistigen Sinne sehen.

Man müsse die Auferstehung anders verstehen – als ein In-Verbindung-Bleiben.

Man dürfe nicht auf das historische Zeugnis des Grabes schauen, sondern auf die Kirche, die daraus wurde.

Glauben Sie, dass Jesus von den Toten auferstand? Glauben sie, dass ein toter Körper in einem Grab plötzlich einen Atemzug tat?

Meine Damen und Herren,

ohne die Auferstehung gibt es kein Christentum. Ohne die Auferstehung, die wahrhaftige Auferstehung eines toten Menschen von den Toten ist alles, was Protestanten und Katholiken glauben, eine Lüge.

Wenn das nicht stimmt, dann hätten schon die ersten Nachfolger Jesu gelogen. Sie hätten eine Lüge von Mund zu Mund weitergegeben. Sie hätten in Briefen und Zeugnissen den vielleicht größten Betrug der Menschheitsgeschichte begangen.

Wenn Jesus nicht von den Toten auferstand, dann fällt alles, wirklich alles in zweitausend Jahren Christentumsgeschichte wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Glauben Sie, dass Jesus von den Toten auferstand? Können Sie es glauben, wenn doch so viel anderes in der Bibel eindeutig nicht wahr ist?

Meine Damen und Herren,

das Verschließen der Augen vor der Erkenntnis ist immer der falsche Weg.

Wenn das Christentum, um sich zu retten, neue Formen der Autorität entwickelt, statt das Mittel der Vernunft zu nutzen, dann führt dies nicht zur Befreiung, sondern nur zu Glaube aus neuem Zwang.

Genau so funktionieren diese ganzen neuen charismatischen Bewegungen. Diese Pseudo-Kirchen, in denen man lernt, wie man den eigenen Verstand gegen starke Argumente immunisiert. Diese Indoktrinationshallen, in denen mit Lichtshows und modernen Performances der letzte Rest eigenständigen Denkens aus jungen Menschen herausgejubelt wird. Jesus, Jesus, Superstar!

Dieses sektenhafte Erzeugen einer mentalen Leere, in die dann die Bibel eingehämmert wird als alleinige Wahrheit, bis man zu dumm geworden ist, die Welt noch zu sehen, wie sie ist.

Wer diese Kirche will, wird in mir immer einen Gegner finden.

Aber genau diese charismatisch-missionarischen Kirchen sind der Strohhalm, an den sich zusehends geklammert wird. Sie sprießen überall in der katholischen wie der evangelischen Kirche aus dem Boden. Sie ziehen Menschen an, weil sie die ganzen schwierigen Fragen in einem Nebel aus Jubel und Einfachheit verbergen.

Die Kirche, die wir kannten, ist am Ende.

Die Kirche, die wir neu errichten sollten, ist die Kirche der Vernunft. Eine wunderbare, ganz filigrane Kirche.

Wissen Sie, das Fundament dieser Kirche gibt es längst. Nur haben wir uns seither noch nicht getraut, auf ihr ein Gotteshaus zu errichten. Das Fundament der Kirche der Vernunft ist die wissenschaftliche Theologie. Die sich keiner natur- oder geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis verweigert. Die kein Problem damit hat, zu sagen, dass Bethlehem nicht der Geburtsort Jesu sein kann.

“Sola Scriptura”, sagte uns Luther, und seither lesen wir seine Bibelübersetzung brav jeden Sonntag in jeder protestantischen Kirche vor. Doch in den 500 Jahren seit Luther fanden wir längst heraus, dass diese Schrift allein niemals genug sein kann. Dass es mehr zu ergründen und zu verstehen gibt rund um die Heilige Schrift. Wir fanden heraus, dass sich die Archäologie lohnt, dass es sich lohnt zu begreifen, wo und wann ein Text geschrieben wurde und auf welchen älteren Quellen er basiert. Nur vergaßen wir in all der Zeit, diese Erkenntnisse auch zu verkünden. Die historisch-kritische Bibelanalyse ist wahrlich eines der best gehüteten Geheimnisse der Christenheit.

Wie erfrischend wäre eine Kirche, die ganz offensiv beginnt zu erzählen, dass die Welt niemals in sieben Tagen erschaffen wurde. Sondern, dass damals gläubige und rechtschaffene Priester beisammensaßen und überlegten, wie man auch im babylonischen Exil fernab der Heimat allen Juden erklären kann, dass selbst hier, an diesem fremden Ort, doch Gott weiterhin für sie da ist. Zuständig bleibt.

Wie also erklärt man in einer Welt, in der jede Gegend ihren eigenen Götzen hat, dass Gott viel größer sein muss als diese winzig kleingeistige regionale Vorstellung von Einzelgöttern? – Man beschreibt schlicht, wie der allmächtige und allumfassende Gott die Welt erschuf. Um zu zeigen, dass Gott viel größer und viel phantastischer wirkt als alles, was man sich vor Ort im Kleinen vorstellen kann.

Und heute, 2000 Jahre später, da können wir liebevoll auf jene Priester schauen und lächeln. So sehr sie versuchten, sich Gott so groß, so unübertreffbar riesig auszumalen, um ihn ganz dem Volk zeigen zu können, so unfassbar kleingeistig und regional blieb auch ihre Vorstellung. Das Universum ist viel größer als die Welt – und die Schöpfung viel intelligenter als ein schlichtes Zusammenbasteln einer Natur. Jeder Mensch hätte eine Welt einfach gebaut. Weil unsere Natur so einfach ist. Aber die Wahrheit ist, dass die Schöpfung weit über die menschliche Natur hinausgeht. Sie ist ein ewiger, sich immer wieder neu erfindender, all unsere Gedankenkraft übersteigender, unendlicher Schöpfungsprozess. Ein Gedanke, so viel schöner und größer als das konkrete Bibelwort, und dennoch lohnt es sich auch, den alten Text zu lesen, weil er zeigt, wie versucht wurde, die Gottesbeziehung von Mensch zu Mensch aufzubauen.

Wie schön wäre es, an Weihnachten nicht belogen zu werden. Wenn die Weihnachtsgeschichte gelesen wird und wir in der Predigt erfahren würden, dass sie nicht passiert ist. Eine Kirche, die sich an die Wahrheit herantraut.

Das Tolle an der Weihnachtsgeschichte ist, dass sie kein böser Mensch schrieb, sondern einer, der beim Schreiben sehr genau wusste, dass er gerade versucht, etwas mit einer Geschichte zu erklären. Der nicht die Welt in alle Ewigkeit betrügen wollte, sondern verdeutlichen wollte, wie man diesen Jesus verstehen muss. In den Evangelien steht nichts anderes als ein Gedankenspiel: Wenn man für die Geburt dieses Jesus von Nazareth eine perfekte Bühne bauen könnte, die alles aufzeigt, was ihn ausmacht, dann wäre diese Geburt so, wie sie in der Bibel steht: Eine Geburt im Stall statt in einem Schloss. – Denn das Spannende an der Phantasie der Evangelisten ist ja, dass sie – weil sie wissen, dass diese Geburt so nicht stattfand – jede Geschichte erfinden könnten, und sie dennoch keinen Palast als Geburtsort wählen, sondern ganz bewusst den Stall.

Wieviel besser, wieviel stärker ist denn eine Geschichte, wenn ich sie nicht als Wahrheit missverstehe, sondern wirklich verstehe, dass ein Künstler versuchte, das perfekte Theaterstück für Jesus zu schreiben und zu inszenieren. Dann ist wahrlich jedes Detail wichtig, und der Evangelist nicht mehr nur einer, der eine Geschichte aufschreibt, sondern der sich von Gott inspirieren lässt, Literatur zu schaffen.

Ich glaube, dass eine Kirche der Vernunft das Fundament bereitet, dass eine Wahrheit wieder geglaubt werden kann. Eine Kirche, die zugibt, was sie längst weiß, wird nicht ständig bei der Lüge ertappt. Sie zeigt, dass sie vernünftiger Teil der Welt ist und man ihr glauben kann.

Denn erst, wenn man der Kirche wieder glauben kann, dann wird eine Aussage wahrlich stark: Es spricht wissenschaftlich alles dafür, dass die Auferstehung keine Erfindung ist.

Wir haben einen mit römischen Quellen belegbaren Tod des Predigers Jesus. Wir wissen mit Sicherheit, dass Menschen, die ihn begleiteten, nach seinem Tod berichteten, dass sie dem Toten wieder begegnet waren. Nicht im Traum, nicht im Wahn – sondern bei Verstand, einfach auf der Straße.

Es ist sicher, dass diejenigen, die das behaupteten, dies so glaubhaft vortragen konnten, dass immer mehr Menschen sich ihnen anschlossen. Es ist unstrittig, dass einzelne Personen – allen voran Petrus – selbst dann, als sie mit dem Tod bedroht wurden, noch immer schworen, dass dieses Erlebnis der Wahrheit entspricht und dafür ihr Leben gaben.

Glauben Sie, dass Jesus von den Toten auferstand? Glauben sie, dass ein toter Körper in einem Grab plötzlich einen Atemzug tat?

Für dieses Ereignis gibt es wissenschaftlich gesichert Zeugen, die selbst, als sie dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten, niemals davon abrückten, dass sie wahrlich einem begegnet waren, der tot war und wieder lebte.

Wenn Sie an die Auferstehung wahrhaft glauben und gleichzeitig wissen, dass man in der Bibel sonst nicht alles einfach glauben sollte, dann sind sie bereit, eine neue Kirche zu errichten. Eine Kirche, die sich nicht mit Autorität über ihre Mitglieder erheben muss, sondern die in völliger Entspanntheit das Gespräch in unserer Welt suchen kann, ohne zu dieser Welt in Opposition zu stehen.

Ich bin mir sicher, dass eine Kirche der Vernunft sich nicht zurückzieht. Sie kann Mission betreiben – ohne jede Gewalt. Ohne die Gewalt der Drohung oder die Gewalt der Entmündigung.

Eine Kirche, in der man die Auferstehung wieder glauben kann, ist bereit, in die Fußstapfen der Apostel zu treten. Die kann hinausgehen und von Mensch zu Mensch wieder mit Begeisterung über den Glauben reden.

Die Kirche der Vernunft ist kein Elfenbeinturm der kritischen Theologie, sondern sie muss eine Missionskirche sein. Ich plädiere dafür, dass wir mit einer neuen Kirche nicht mehr all unsere Kraft darauf verwenden, Angebote zu erschaffen, zu denen dann jemand kommen soll – und niemand kommt. Ich plädiere dafür, dass wir all unsere Kraft darauf verwenden, wie die Apostel loszuziehen und mit anderen das Gespräch zu suchen.

Das einfachste Mittel, das ich mir hierfür erdenken kann, ist, an den Haustüren derer zu klingeln, die Mitglied der Kirche sind, aber an keinem Angebot der Gemeinde teilnehmen. Nicht, um diese an der Türe mit einem schlechten Gewissen dazu zu drängen, mal wieder in die Kirche zu kommen, sondern, um schlicht das Gespräch miteinander zu suchen. Eine Interaktion von Mensch zu Mensch, in der ich von meinem Glauben spreche und die Antwort des Gegenübers vielleicht einen Beitrag leistet, mir eine intensivere Gottesbeziehung zu stiften.

Vielleicht begegnen Sie an der Türe einem Atomphysiker, von dem sie mehr über die Schöpfung lernen können, vielleicht einer Ärztin, die mit Ihnen über die heilende Kraft der Hoffnung spricht, vielleicht treffen Sie auf einen Zimmermann, der Ihr Weltbild auf den Kopf stellt.

Vielleicht stiften Sie im Gegenüber eine Gottesbeziehung.

Das Wunderbare an der Haustürmission ist, dass sie gar nicht so sein muss wie die Haustürmission der Zeugen Jehovas. In der Kirche der Vernunft wäre sie sogar ziemlich genau das Gegenteil. Denn die Zeugen Jehovas ziehen nur los, um eine eigene Wahrheit zu verkünden und sind vernebelt von Autorität. Sie wollen nichts erfahren, sondern nur verkünden. Ein vernünftiger Mensch zieht los, um vom Gegenüber ebenso viel zu lernen, wie er oder sie selbst zu sagen hat.

Auch das steht in der Tradition der Nachfolger Jesu. Denn die zogen los in alle Ecken des Römischen Reiches und suchten den Kontakt und das Gespräch und blieben selbst, als so sehr religiös Bewegte, offen für die Argumente des Gegenübers. Als die ersten Christen auf die Griechen trafen, die sie mit ihrer bestechend scharfen Logik kon­frontierten, musste das Christentum sich neu ausrichten. In Auseinandersetzung mit dem Verstand wurde aus dem Glauben an den einen Gott und seinen Sohn etwas Neues. Denn die Griechen fragten kritisch, wie denn zu­sammenzubringen sei, dass der eine Gott befiehlt, keine Götter neben sich zu haben und die Christen dennoch zu ihrem Messias Jesus Christus beten. Waren da plötz­lich zwei Götter?

Diese simple Frage führte das Christentum in eine lange Auseinandersetzung. Denn die einfachen Men­schen, die nur von ihrem Glauben sprachen, der aus dem Kontakt mit Jesus oder aus dem Kontakt mit des­sen Nachfolgern geprägt war, sahen sich plötzlich her­ausgefordert von der Logik griechischer Philosophen. Ein Vorgang, der nicht viel anders ist als die Attacken heutiger Naturwissenschaftler.

Das wirklich Spannende an jener Auseinandersetzung damals war, dass die Chris­ten nicht schlicht in einen Abwehrkampf gegen die Lo­gik eintraten. Sie erklärten nicht, dass die Sphären des Glaubens und die Sphären der logischen Philosophie getrennt seien, wie das heute mit der Wissenschaft zu oft geschieht. Man erklärte auch nicht die Reichweite der Philosophie für begrenzt.

Stattdessen bediente man sich des Mittels der Philosophie, um den eigenen Gott besser zu verstehen. Im Gespräch mit den griechischen Philosophen entstand ein neues, deutlich größeres Ver­ständnis von Christus. Nämlich, dass dieser weit mehr war als nur der Sohn eines Gottes, sondern die Präsenz Gottes als Mensch auf Erden selbst.

Ein Kern des christ­lichen Glaubens und tiefen Verständnisses Gottes in der katholischen wie evangelischen Kirche bis heute, das nicht hätte entstehen können, wenn man sich nicht der kritischen Anfrage mit offener Bereitschaft zur Selbst­überprüfung gestellt hätte. Die Logik der Griechen half dem Christentum, mehr von sich selbst zu verstehen.

Wenn ich Ihnen also am Anfang dieser Rede sagte, dass selbst Gott weiß, dass der Glaube von Mensch zu Mensch getragen wird, dann kann ich das nur sagen, weil ein kluger Grieche dereinst eine kritische Frage stellte und kluge Christen sich dem Gespräch nicht verwehrten.

Denn seit damals wissen wir, dass Gott sich entschied, zum Mensch zu werden, um von Mensch zu Mensch den Glauben zu stärken.

Vielleicht ergeht es Ihnen auch so mit Ihren Kindern. Wenn Sie nicht kämpfen um die Kirche, die sie kennen, sondern bereit sind, offen auch im Gegenüber Neues über den Glauben zu lernen, dann erst wird eine neue Gottesbeziehung aufgebaut.

Ich hoffe, dass mein Ruf heute in dieser Kirche nicht verhallt. Ich hoffe, dass Sie nicht nur in den Abwehrkampf eintreten gegen meine kritischen Anfragen, sondern vielleicht darin für sich auch eine neue Perspektive Ihres Glaubens und Ihrer Kirche finden.

Ich hoffe, ich erlebe noch eine Kirche, die ihren verbliebenen Mitgliedern in den Gemeinden voller Mut alle Erkenntnisse der theologischen Wissenschaft verrät und sie damit motiviert, sich nicht weiter zurückzuziehen, sondern sie bereitmacht, das Christentum erneut zu verkünden. Sie sind der letzte Rest Protestantismus, der noch übrig ist. Wenn Sie den Glauben nicht von Mensch zu Mensch weitergeben, dann wird es ihn nicht mehr lange geben.

Ich bin mir sicher, dass eine solche Kirche, die den Kontakt sucht, die Beziehung pflegt und von Mensch zu Mensch die Gottesbeziehung entstehen lässt, sich auch zum Gottesdienst wieder füllt. Weil jede gestiftete Gottesbeziehung sich ihren Ausdruck sucht. Sie will mit Gott in Interaktion treten und muss es nicht. Sie sucht sich den Ort, wo Gott in Freiheit begegnet werden kann. Warum sollte dies nicht wie eh und je auch der Gottesdienst wieder werden?

Eine Kirche, die mit all ihrem Handeln und Verkünden ausdrückt, dass sie keiner Autorität und keiner Furcht bedarf, um zum gemeinsamen Gebet einzuladen. Eine Kirche, in der die Wahrheit ausgesprochen und die Auferstehung wieder geglaubt wird mag dieselbe Liturgie haben wie jene Kirche, die sich nicht mehr füllt. Aber sie hätte doch ganz sicher einen anderen Charakter.

Heute ist Reformationstag – der Tag, an dem man kritisch auf seine Kirche schaut und voller Begeisterung eine neue erschafft.

Danke schön.